23.05.2008
Sehr geehrter Herr Bezirksbürgermeister,
sehr geehrter Herr Plückelmann,
ich habe diese offene Form der Kommunikation mit Ihnen gewählt, weil ich als Repräsentant einer im Duisburger Stadtrat vertretenen Partei ein Interesse daran habe, Ihnen meinen Unmut über Ihr politisches Dasein kundzutun.
Es ist in erster Linie nicht Ihre politische Alltagsarbeit, die meinen Unmut hervorgerufen hat, diese scheint mir nämlich eingebettet zu sein in das Politikmuster der SPD in Duisburg. Daher ist es mir relativ egal von welchen Beweggründen Sie bei Ihrer Entscheidungsfindung geleitet werden. Da begnüge ich mich auf die von Ihnen und Ihrer Partei vorgelegten Entscheidungen und reagiere entsprechend.
Als Politiker kann ich mich jedoch nicht auf bloße parlamentarische Reaktionen beschränken, wenn Sie Entscheidungen politisch-historischer Natur treffen, welche Geschichtsklitterung auch ihrer eigenen Parteitradition betreffen. Insofern ist es aus meiner Sicht zielführender, über Themen, die unsere jüngste Vergangenheit tangieren öffentlich zu diskutieren.
Ich frage mich allen Ernstes, was Sie geritten haben mag, als Sie, als SPD-Vertreter in exponierter Lage, sich dazu entschieden haben, Wilhelm Roelen zu gedenken, von dem durch Recherchen in Staatsarchiven –historisch belegbar- bewiesen ist, dass er als mit NS-Orden ausgezeichneter Wehrwirtschaftsführer und NSDAP und SA-Parteigenosse und Mitglied zahlreicher NS-Fachverbänden wohlwollender Nutznießer der faschistischen Unterdrückungspolitik der NS-Diktatur gewesen ist.
Ich schreibe Ihnen, weil ich nicht nachvollziehen kann, dass Sie die von Ihnen praktizierte Geste allem Anschein nach problemlos mit Ihrem politischen Dasein in Konformität bringen können. Da ich nicht glaube, dass Ihr Walsumer “ Kohlepatriotismus“ Sie dahingehend historisch erblinden ließ, und ich Sie bisher als einen informierten Politiker und gewieften Strategen kennen lernen durfte, muss ich davon ausgehen, dass Sie hier als überzeugter Täter gehandelt haben. Insofern möchte ich Ihnen auch mitteilen, dass bei mir eine gewisse Enttäuschung aufgekommen ist, weil ich von der historisch ruhmreichen SPD mehr Geschichtsbewusstsein und mehr Sensibilität in solchen Fragen erwartet hätte. Ich kann diesbezüglich nur hoffen, dass Sie als Einzeltäter von Ihren Genossen dafür die entsprechende Honorierung erfahren.
Ich schreibe Ihnen auch deswegen so offen, weil ich glaube, bei Ihnen eine gewisse politische Handlungsstruktur festgestellt zu haben, die ich leider nicht frühzeitig genug erkannt habe. Als sich nach der letzten Kommunalwahl die Bezirksvertretung Walsum konstituiert hat, und unsere Walsumer Bezirksvertreter, gegen den damaligen Duisburger Trend, sich für die Kooperation mit der SPD entschieden haben, habe ich diese Entscheidung respektierlich begrüßt, weil sie von einem gewissen Maß an Mut zeugt. Dieser Mut ist von zwei Walsumer Politikern aufgebracht worden, die für Ihr antifaschistisches Engagement bekannt sind. Daher verspürte ich eine Art genugtuende Honorierung, des für sein Engagement von Ihrer SPD-Ratsfraktion vorgeschlagenen und vom Oberbürgermeister mit der Mercator-Ehrennadel ausgezeichneten Walsumer Bezirksvertreters Franz Tews, als dieser in Kooperation mit Ihnen stellvertretender Bezirksvorsteher wurde.
Die spätere Absetzung von Franz Tews (Sprecher der Walsumer Initiative Erinnern gegen Rechts) und dem von Ihnen und der Walsumer SPD eingeleiteten Kooperations-Bruch mit den dortigen Grünen, haben mich zwar bedenklich gestimmt, aber ich habe diesen Vorgang als üblichen Ausgang politischer Kooperationen ad acta gelegt.
Ich schreibe Ihnen aber auch, weil mich das von Ihnen organisatorisch geleitete Prozedere des Gedenkens an Roelen sehr irritiert hat. Als Walsumer Direktkandidat für den Rat der Stadt bin ich in die Aktivitäten der Bezirksvertretung Walsum stets eingebunden worden. Ich erhielt immer alle Einladungen zu den Sitzungen und zu besonderen Walsumer Highlights. Im Falle des Gedenkens an Wilhelm Roelen bin ich zwar nicht besonders verstimmt, weil Sie mich dafür nicht mit einer Einladung bedacht haben, aber ich hätte mir dennoch gewünscht, im Vorfeld darüber informiert gewesen zu sein, um mich –mit der Zielsetzung, Sie evtl. umzustimmen- persönlich bei Ihnen einzubringen. Umso mehr bin ich erstaunt, wenn ich über die Lokalpresse erfahren muss, dass Sie offensichtlich eine merkwürdig selektive Einladungspolitik verfolgt haben. Und obwohl ich Ihre Einladungspolitik erstaunlich finde, kann ich diese bis zu einem bestimmten Grad dennoch nachvollziehen: Der EX- Vertreter der Bürgerunion hat am Gedenktag sicherlich eine bessere Laune verbreitet, als ich.
Aus all diesen bruchstückhaften Erfahrungen mit Ihnen, hat sich bei mir das Bild eines verrannten selbstgefälligen Narzisten etabliert, den ich –so der Wähler will- nicht mehr als Bezirksbürgermeister annehmen werde. Was zurück bleibt, ist die Erkenntnis, dass nicht überall SPD drin sein muss, wo auch SPD drauf steht. Oder?
Mit freundlichen Grüßen
Sait Keles
Ratsherr, B90/Die Grünen
![]()
![]()