
Begrüßungsrede von Doris Janicki,
Bürgermeisterin der Stadt Duisburg,
anläßlich des Empfangs der Stadt Duisburg zum
Internationalen Frauentag 2008.
Motto des Empfangs:
"Duisburgerinnen auf dem Weg zur Gleichstellung im Europa des 21. Jahrhhunderts" .
Liebe Frauen! Liebe Männer!
Ich gratuliere uns allen zum Internationalen Frauentag!
In diesem Jahr hat die Stadt Duisburg ihren Empfang zum Internationalen Frauentag unter das Motto „Duisburgerinnen auf dem Weg zur Gleichstellung im Europa des 21. Jahrhunderts“
gestellt.
Warum eigentlich der Europa-Bezug?
Immer schon waren die Internationalen Frauentage weltweit in gesamtgesellschaftlichen politischen Entwicklungen eingebettet. Aber was nun das Einzugsgebiet der Europäischen Union betrifft:
Seit etlichen Jahrzehnten, spätestens seit Mitte der 80er Jahre - hat die EU bzw. das Europäische Parlamant eine Vorreiterrolle in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter – auch gegenüber ihren Mitgliedsstaaten - eingenommen. Einen Stein in’s Rollen brachte damals die Empfehlung des Rates der Europäischen Gemeinschaften zur „Förderung positiver Maßnahmen für Frauen“ (13.12.1984) an seine Mitgliedstaaten. Hier ging es um die Aufhebung der faktischen Ungleichheiten für Frauen im Berufsleben und um die Aufhebung der Geschlechtertrennung auf dem Arbeitsmarkt. Faktisch bedeutete diese Richtlinie aber auch einen wichtigen Startschuss für die Einrichtung kommunaler Gleichstellungsstellen in Europa – die Duisburger Gleichstellungsstelle wurde bereits 1985 als eine der ersten eröffnet. Schon damals mit der Leiterin Doris Freer, die ich hier noch einmal offiziell und sehr herzlich grüße. Und die eben zitierte Richtlinie war eine wichtige Grundlage für den ersten Frauenförderplan der Stadt Duisburg.
Bis heute wurde – auch unter der Ratspräsidentschaft von Frauen – das Themenspektrum der EU-Frauenpolitik stark erweitert, d.h. es trug den gesellschaftlichen Erfordernissen im „neuen“ Europa Rechnung. Der Blick wird heute z.B. auf besorgniserregende Verletzungen der Menschenrechte, der Frauenrechte, gerichtet – doch davon wird die Referentin des heutigen Tages, Inge Bell, gleich mehr berichten. Liebe Inge Bell, ich freue mich sehr, dass Sie heute zu uns nach Duisburg gekommen sind und begrüße Sie sehr herzlich.
Es gibt aber noch einen anderen Grund, am Internationalen Frauentag EUROPA in den Blick zu nehmen: Denn Europa, die Göttin der Antike, ist eine Frau!!!
Heute gibt es den Internationalen Frauentag fast 100 Jahre.
Als 1910 die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen die Entscheidung traf, jedes Jahr einen Internationalen Frauentag zu veranstalten, ging es – solidarisch untereinander - um ein gemeinsames Ziel: Es ging um den Kampf des Wahlrechts für Frauen, das bis dahin nur in den wenigsten Staaten erreicht wurde. Und nur dem gemeinsamen Engagement der Frauen ist zu verdanken, dass ihnen das Wahlrecht - in Deutschland 1918 - schließlich zuerkannt wurde. In den zwanziger Jahren setzten sich die Frauen zum 8. März - aus den bitteren Erfahrungen des 1. Weltkrieges 1914-1918 heraus - für den Erhalt des Friedens ein, zunehmend aber auch für Gleichberechtigung der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Ab 1930 widmeten sich die Frauen insbesondere dem Kampf gegen den aufkommenden Faschismus. Und die Nationalsozialisten reagierten prompt: Gleich 1933 wurden alle Frauenverbände aufgelöst und der Internationale Frauentag wurde verboten. In den Jahren direkt nach dem 2. Weltkrieg fanden in Deutschland zunächst nur vereinzelte Feiern zu den Internationalen Frauentagen statt. Und erst in den 70er/80er Jahren wurde der 8. März als gemeinsamer Aktionstag der Frauen zur Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frauen wiederbelebt. Jetzt ging es um Themen wie
gleiche Berufschancen für Frauen,
Aktionen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen,
gegen den § 218,
gegen den Sozialabbau,
für mehr Beteiligung von Frauen an der Politik und
um die internationale Solidarität mit Frauen aller Nationen.
Heute, fast ein Jahrhundert später, ist der Internationale Frauentag nach wie vor in den Kontext aktueller gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen.
Und diese haben sich gewandelt. Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen für unsere Stadt ist das Thema der Integration. Daher war es uns in Duisburg ein wichtiges Anliegen, im August 2007 das Referat für Integration konzeptionell neu auszurichten und zu stärken. Ich freue mich sehr, dass wir Leyla Özmal als Leiterin und Marijo Terzic als ihren Vertreter für diese komplexe und nicht immer leichte Aufgabe gewinnen konnten. Ich freue mich sehr, beide - Frau Özmal wird etwas später eintreffen – hier begrüßen zu können.
Duisburg ist von Migration geprägt und für die Zukunft muß es - im Interesse ALLER hier lebenden Menschen - gelingen, dass sich ALLE GLEICHERMASSEN mit UNSERER STADT identifizieren. Dafür müssen wir arbeiten. Und zwar gemeinsam. Die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe, schon dies verbindet sie mit der Querschittsaufgabe „Frauenpolitik“. Beide Politikfelder aber haben darüber hinaus – und daher ist die Ansiedlung beider Bereiche im Dezernat des Oberbürgermeisters politisch gesehen so wichtig - ein gemeinsames Ziel, das sie verbindet: Gemeinsames Ziel von Frauenpolitik und Integrationspolitik ist die Völkerverständigung in unserer Stadt.
Für das Erreichen des großen Zukunftsziels der Völkerverständigung können und sollten wir uns die Strategie der Frauenbewegung zum Vorbild nehmen : Laßt uns – genauso wie es die Frauenbewegung vor 100 Jahren getan hat – die Solidarität untereinander stärken und weiter entwickeln.
Heute stehen wir vor der Herausforderung, interkulturelle Formen der Frauensolidarität zu entwickeln, die kulturen- und religionenübergreifend sind. Denn nach wie vor sind es die Frauen – in allen Kulturen und Religionen – die spezifischen, zum Teil gleichen, zum Teil anderen Diskriminierungen ausgesetzt sind.
Frauenspezifisch gesehen ist eine Art von Integration anzustreben, die die zugewanderte Frauen als Partnerinnen - zur Schaffung einer lebenswerteren und liebenswerteren Stadtgesellschaft – sieht. Und die so - nämlich als willkommene Partnerinnen - anspricht und sie dazu einlädt. Zur Erklärung: Ich habe vor zwei Wochen auf einer Veranstaltung zur Thematik Zwangsverheiratung erfahren, dass Migrantinnen nicht nur als Opfer angesehen und angesprochen werden sollen. Dies wäre fatal, wenn wir uns auf Augenhöhe befruchten wollen.
Bitte bedenken Sie:
Wir haben jährlich einige Hundert von Migrantinnen, die im Zuge der Familienzusammenführung nach Duisburg kommen. Durch die EU-Erweiterung kommen aus den Balkanländern und aus den ehemaligen Ostblockländern viele Frauen zu uns. Sie kommen mit Hoffnungen und Wünschen und mit besonderen Kompetenzen sowie besonderen Problemlagen zu uns in die Stadt. Wir müssen eine differenzierte Sichtweise entwickeln. Unser Credo kann nur lauten: die Frauen bei ihren Kompetenzen abholen, sie stärken und ihnen stadtteilnahe Lösungen anzubieten und Wege aufzuzeigen, die sie gehen können und wollen. Also, weg von der Bevormundung, hin zu einer neuen gemeinsamen Definition von Frauenidentitäten in einer urbanen Stadtgesellschaft.
In der gelebten Interkulturalität in unserer Stadt ist es für uns eine Herausforderung, wie wir frauenspezifische Sichtweisen und Lösungen für eine Neugestaltung unserer Stadt entwickeln. Ich bin – gemeinsam mit der Frauenbeauftragten und der Integrationsbeauftragten – der Meinung, dass wir nun eine - historisch gesehen - nie so da gewesene Chance haben: denn hier vor Ort haben Frauen der verschiedensten Kulturen und Nationalitäten nun die Möglichkeit, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu befruchten. Dies alles könnte zu ganz neuen, bisher ungeahnten Formen, des Miteinanders führen. Ebenso zu neuen Inhalten und Formen der Frauenbewegung, jedenfalls bei uns in Duisburg.
Denn: Die Frauenbewegung – das sehen wir schon allein heute hier im Ratssaal - ist nicht, wie ihr manchmal nachgesagt wird, tot. Sondern sie kann eine andere Qualität erhalten: durch eine neue Form der Solidarität und durch gemeinsames agieren. Fast 100 Jahren Geschichte des Internationalen Frauentages: Und die Frauenpower hat nicht nachgelassen; im Gegenteil - DENN: Europa ist eine Frau!
Ich erkläre diese Veranstaltung für eröffnet.